TBT mit Flüchtlingen - Erfahrungen

  

Im Rahmen meines Engagements für Flüchtlinge komme ich immer wieder mit Menschen ins Gespräch, die extrem belastende Situationen erlebt haben. Ich bin glücklich, wenigstens einigen Erleichterung verschaffen zu können - und damit auch die Tür für neue Lebensperspektiven zu öffnen.

S., Mitte 30, lebt seit 3 Jahren in Deutschland. Aus für ihn immer noch nicht nachvollziehbaren Gründen wurde er 2009 von der Spezialpolizei in Syrien abgeholt und schwer misshandelt und geschlagen. Es folgten 3 Monate mit täglicher Folter, die u.a. die Durchblutung in seinen Beinen so nachhaltig beeinträchtigt hat, dass sie heute noch schwarz sind und die Gefahr besteht, dass sie amputiert werden müssen.

Konstante Schmerzen und Gedankenkreisen ließen ihn nie vor 3:30 Uhr einschlafen, also erst bei völliger Erschöpfung. Befragt nach seiner allerschlimmsten Erinnerung nannte er die Begegnung mit seinem Hausarzt - noch in Syrien, der ihm eröffnete, dass seine Beine nicht zu retten sind, und besser heute als morgen amputiert werden müssten. Er hatte die Möglichkeit andere Ärzte aufzusuchen, und hat seine Beine noch, aber sein Zustand ist nach wie vor prekär.

Die Behandlung (30') seines 'Diagnose-Schocks' brachte einige Entspannung, sodass er mittlerweile regelmäßig vor 3 Uhr morgens einschlafen kann. Die Schmerzen sind auch nach 3 Wochen insgesamt etwas geringer (nicht weg), und die Verfärbung der Beine ist heller und weniger durchgängig.

12 Monate später besteht zwar nach wie vor das Risiko, dass die Beine doch noch amputiert werden müssen, aber er kann wieder gut schlafen. Die Schmerzen halten sich in Grenzen, und er kann seinen Kindern ein liebevoller und ausgeglichener Vater sein.

 

E., 23 Jahre alt, ist erst 2015 aus Syrien nach Deutschland gekommen. Davor war sie mit ihrem Vater - selbst durch Folter schwer behindert und fast blind - in einem Flüchtlingslager in Spanien. Sein unberechenbares Verhalten ihr gegenüber, bis hin zu körperlicher Gewalt, insbesondere dann, wenn sie ihm helfen wollte, hat sie zur Verzweiflung gebracht. Befragt nach der schlimmsten Erinnerung nannte sie eine Situation, die sie als lebensbedrohlich erlebt hat, woraufhin sie ihre Tasche packte und fliehen wollte. Als sie auf einer Parkbank innehielt, um zu überlegen, wie es konkret weitergehen kann, wurde ihr bewusst, dass ihr gar nichts anderes übrig blieb, als im Flüchtlingslager abzuwarten, dass ihre Papiere fertig werden. Diese Ohnmacht war ihre schwärzeste Erfahrung, zumal ihr Vater damit zusätzliche Argumente hatte sie zu quälen.

Sie ist sehr bemüht, schnell Deutsch zu lernen, um ihre beruflichen Chancen zu verbessern und auf eigenen Beinen zu stehen, gleichzeitig erlebt sie eine tiefe Einsamkeit, nachdem sie wegen der bizarren Verhaltensweisen ihrer Eltern auf Distanz gegangen ist, und sie aber auch unter ähnlich betroffenen Frauen kein Verständnis und keinen Rückhalt findet. Bei unserer Begegnung war sie sehr depressiv.

Nach einem kurzen Vorgespräch haben wir die 'schwarze Aussichtslosigkeit auf der Parkbank' behandelt. Sie konnte sich gut auf den Prozess einlassen und war schließlich sichtbar erleichtert und sogar stolz auf sich.

In einem Telefonat 10 Tage später klang sie immer noch sehr lebendig und zuversichtlich. Ein Jahr später ist sie weiter sehr stabil, und schreibt selbstbewusst Bewerbungen.

Diese Erfahrungen machen Mut, dass mit diesen Kurzinterventionen - TBT - Heilungsprozesse angestoßen werden, die sich in einem einigermaßen stabilen sozialen Kontext gut weiterentfalten können. Je verlässlicher das soziale Umfeld (wenigstens eine Bezugsperson oder Freunde), umso schneller.

Weitere Fallbeispiele:

A. aus Aleppo war alleine in Deutschland angekommen, hatte inzwischen seine Anerkennung als Flüchtling, und wartete, dass seine Ehefrau und 3 Kinder im Rahmen der Familienzusammenführung nachkommen konnten. Sie hingen in der Türkei fest und bombardierten ihn täglich mit verzweifelten Anrufen. Er arbeitete wie ein Besessener (ehrenamtlich), um sich abzulenken, lernte wie ein Besessener für die Deutsch-Prüfung, und konnte doch nichts behalten.

Bei ihm war keine Trauma-Behandlung angesagt, sondern Hilfestellung und Techniken zur Entlastung und Stabilisierung, neben einer Krankschreibung, um Zeit zu gewinnen, damit er entspannter in die (spätere) Prüfung gehen konnte.

Mit ihm hatte ich 5 Termine, insbesondere um ihn die Body-Mind-Techniken auch zu lehren, damit er sie sicher alleine anwenden kann.

 

Z. aus dem Irak war dort über einen längeren Zeitraum gefoltert worden, u.a. im Zusammenhang mit der Drohung, dass seine Mutter und seine Schwester vor seinen Augen vergewaltigt werden sollen. Dann zu einem späteren Zeitpunkt wurde er in einen Eisenkäfig gesteckt, um im Euphrat ertränkt zu werden, wenn er nicht verrät wo sein Bruder ist. Er wusste es nicht, und auf dem Transport zum Fluss explodierte eine Bombe unter dem Auto. Er hat als Einziger überlebt, schwer verletzt und mit zerfetztem Trommelfell.

Mit ihm 2 TBT-Behandlungen und ansonsten mehrere entlastende Gespräche, da sein Aufenthaltsstatus sehr lange ungeklärt war, und er immer wieder in Panik war, ggf. doch noch nach Bulgarien abgeschoben zu werden, wo er gezwungen worden war, Asyl zu beantragen, aber dann durch Soldaten wieder Folter und Gefangenschaft erleben musste. Er entwickelte massive Schlafstörungen und epileptische Anfälle und war trotz seines großen ehrenamtlichen Engagements – auch für bedürftige Deutsche – stark selbstmordgefährdet.

Im Weiteren Anleitung für spezifische Atemübungen und Techniken zur Entspannung und Selbstregulation.

Die letzten beiden Beispiele machen deutlich, dass das extreme Gefühl von Ohnmacht, Ausgeliefertsein und Aussichtslosigkeit, in diesen Fällen verursacht durch deutsche Behörden, fast noch schwerer wiegen als erlittene Folter. Wie Richard von Weizsäcker es auf den Punkt gebracht hat: „Ohnmacht ist das am schwersten zu ertragene menschliche Gefühl“.

R. aus Kabul ist an sich eine gebildete Frau, selbst Lehrerin, aber seit 5 Jahren in einem emotionalen und inzwischen auch körperlichen Ausnahmezustand, nachdem

  • vor ihren Augen ihr Vater von den Taliban “abgeschlachtet“ wurde

  • ihr ältester Sohn mitgenommen wurde, und sie zu Recht befürchten musste, dass er zu einem Selbstmordattentat gezwungen wird (Er konnte fliehen, aber sie weiß nicht, wo er lebt, und ist in ständiger Sorge um ihn)

  • auf einem Marktplatz in Kabul eine Bombe hochging, kurz bevor sie dort eintraf: „Überall klebten Fleischfetzen, und der Kopf von einem Neffen lag vor meinen Füßen.“

  • auf einer Busfahrt zu einer Beerdigung Taliban den Bus anhielten und schließlich einen jungen Mann rausholten, der als Dolmetscher arbeitete. Die Insassen wurden mit Kalaschnikows im Anschlag gezwungen zuzusehen, „was mit jedem passiert, der mit dem Feind zusammenarbeitet“: Enthauptung.

R. konnte sich nur sehr schwer verständlich machen, hatte extreme Alpträume und außerdem massive Sehstörungen.

Nach 5 Terminen, überwiegend mit TBT zu den spezifischen Erinnerungen, war im letzten Termin auffällig, dass sie sehr viel flüssiger sprechen konnte, die Brille schon mal absetzen konnte. Sie hatte seither (4 Monate) keine Alpträume mehr, und sogar Schalk und Humor blitzte wieder in ihren Augen. Das hat mich zutiefst dankbar gemacht.

Hier noch ein Link zu einem Dokumentarfilm des Schweizer Fernsehens: "Nach den Bomben", wo Rehana Webster, die Entwicklerin der Trauma Buster Technique zu sehen ist, wo sie mit syrischen Flüchtlingen im Libanon arbeitet und TBT unterrichtet.